Nanouk - der "Markstein" am Zerfreilahorn (14.31)
Erlebnisbericht der Erstbegehung: Roman Hutzli, Michael Illien; 02.+03. November 2001


Es ist fast immer das gleiche Lied. Die Linie schon lange gesehen und entweder nie die Zeit, die Motivation, die Form oder den geeigneten Partner gefunden. Ein paar Tage vorher eine benachbarte Tour geklettert... und so an den Fels adaptiert, wagen wir es. Wir haben ein Projekt - und im Auto hochfahrend diskutieren wir den möglichen Routenverlauf, potentielle Standplätze, wie weit wir wohl kommen etc. etc. Nach diversen Unstimmigkeiten und Linienbeschreibungen, die wir so aus dem Gedächtnis rezitieren, merken wir endlich nach geraumer Zeit, dass wir gar nicht von der selben Wand reden!! Nachdem das geklärt ist, einigen wir uns schnell auf eine Tour und können unsere Kräfte nun fokussieren.

Beim Packen der Rucksäcke müssen wir mit Entsetzen feststellen, dass 2 Akkus für die Bohrmaschine zu Hause geblieben sind! Wir wollten eigentlich vor Ort biwakieren, um Zeit und Energie beim Zustieg zu sparen. Na ja, wir lassen uns deswegen nicht aus der Ruhe bringen und starten dick eingepackt, mit Stirnlampen bewehrt, es ist noch Nacht... - die Temperaturen liegen einiges unter dem Gefrierpunkt - die Jahreszeit ist Herbst - Anfangs November 2001.

Kurz vor Erreichen des Einstiegs können wir endlich ein paar wärmende Sonnenstrahlen reinsaugen - und unser Projekt leuchtet im schönsten Morgenlicht über uns. Dank der während Jahren antrainierten Routine sind wir schnell bereit und können loslegen.

Der Fels ist noch sehr kalt und wir sind froh, dass die erste Länge noch mit moderaten Schwierigkeiten aufwartet. Von einem gediegenen und grossen Standplatz aus sehen wir bereits in die erste Hammerlänge rein. Die Temperaturen sind mittlerweile ganz angenehm geworden - und weiter geht's. Der erste Teil zeigt sich noch wenig bissig und kann sehr oft selbst abgesichert werden - der zweite Teil ist dann anhaltend schwierig, fast ohne Rastpunkte, in steiler und technisch anspruchsvoller Kletterei. Für eine Rotpunkt-Begehung muss man hier dann schon ganz schön bei der Sache sein, aber das ist ja heute nicht unsere Aufgabe - wir haben andere Probleme. Länge Nummer 3 zeigt sich anfangs recht gutmütig, bevor es im oberen Teil wieder ziemlich hart zur Sache geht. Ein schöner Standplatz bietet aber gute Gelegenheit zur Erholung. Hier hat man auch schön Zeit, die gewaltige Aussicht und die schattseitig schon tief verschneite Berglandschaft und vor allem die absolute Stille und Ruhe zu geniessen (klar, abgesehen von unserem Keuchen und Schnaufen natürlich).

Die Sonne wandert ungebremst weiter und droht schon bald uns wieder im Schatten stehen zu lassen. Wir machen weiter und gelangen in ausgesetzter, aber gefälliger Quergangskletterei und anschliessender Schuppen- und Leistenkletterei höher zum nächsten Standplatz. Die nächste Länge überfliegen wir nur so. Der Schatten hat uns eingeholt. Wir haben aber noch Wärme gespeichert und machen weiter. Ein steiler Riss, den man oft selbst absichern kann, führt weiter nach oben - crash - erstmals in meiner mittlerweile 11-jährigen Erstbegehungskarriere fliege ich scheppernd mit der Bohrmaschine umgehängt durch die Lüfte und hänge zwei Stockwerke tiefer. Puuhh - gut durchschnaufen - es ist nichts passiert. Ich fighte nochmals hoch und finde den vorhin fehlenden Griff, der weiter nach oben hilft. Wiederum ein wunderschöner Standplatz entschädigt für die Mühen. Mein Partner zeigt unmissverständlich mit dem Daumen nach unten - und so fixieren wir noch ein paar Seile und tauchen in der Dämmerung ab.

Wegen der Akku-Geschichte steigen wir noch ab und werden in Vals vom Hüttenwart der Läntahütte privat verköstigt und können unsere Batterien wie auch die Akkus wieder aufladen. Tags darauf keuchen wir wieder in der Dunkelheit hoch - heute aber doch mit deutlich leichteren Rucksäcken. Die Jümars eingehängt und hoch zum Umkehrpunkt. Für die gestrige Schepper-Länge haben die Fixseile nicht mehr gereicht - so komme ich nochmals zum Handkuss - diesmal aber ohne Tauchgang. Die nächste Länge bietet wahnsinnige Kletterei an Rissen, Schuppen und Leisten, wobei man zwischendurch auch mal seine Fusstechnik anwenden darf. Unsere Wand wird immer kompakter, die Fragezeichen häufen sich, das Adrenalin geht zur Neige.... - kein Zurück - ich lasse mich weiterpushen. Die Kletterei ist steil, technisch sehr anspruchsvoll, ab und zu zieren ein paar Flechten die Felsob erfläche - eine gewisse Müdigkeit macht sich ebenfalls breit - warum mache ich das eigentlich? Der ein oder andere Griff in die Big-Wall-Trickkiste helfen weiter - diese Länge fast am Schluss der Wand ist sicherlich noch eine ernsthafte Knacknuss (jedenfalls für Amateur-Kletterer...), aber auf jeden Fall machbar.

Eine Seillänge trennt uns noch vom Gipfel, doch diese sieht für unsere Kragenweite deutlich zu schwierig aus. So entscheiden wir, einen kleinen Quergang einzubauen, auf der Nordseite 10m abzuseilen und die letzte Seillänge vom NE-Grat zu nehmen. Als wir auf die Nordseite abseilen ist es, als ob man in den Tiefkühler einsteigt und über eine z.T. verschneite und wassereisüberzogene Länge mogeln wir uns in den Kletterfinken hoch. Oben stehen wir in 30cm Schnee und erleben starke Gefühle - die Temperaturen lassen uns jedoch ziemlich schnell nach unten aufbrechen. In zwei Tagen im November bei z.T. fast winterlichen Bedingungen eine echt geile Linie gemacht - und, wer weiss, vielleicht lässt sich die letzte Länge zum Gipfel ja doch noch direkt realisieren....

Letztendlich ist das Gesamterlebnis wichtig, und das war mit der gewaltigen Natur-Umgebung, den klettertechnischen Schwierigkeiten, den äusseren Bedingungen, den Unsicherheiten und Fragen, der guten Kameradschaft und schliesslich der erfolgreichen Durchsteigung absolut stark - und solche Tage machen das Leben lebenswert!


Nachtrag1: die damals "zu schwierige" direkte Abschlusslänge wurde im Oktober 2004 von Paul Degonda und Michael Illien doch noch realisiert.....und ist gar nicht so schwierig wie damals angenommen. Eine Rotpunkt-Begehung der Route steht noch aus, dürfte aber im 2005 doch mal fällig werden....möglich ist es auf jeden Fall. Abgesehen davon, die "Nanouk" ist bis dato die schwierigste und anspruchsvollste Tour im ganzen Valsertal - ein "Markstein" eben.


Nachtrag2: am 22. Juni 2005 war es dann endlich soweit. Michael Illien konnte einen wahren "big-day" einziehen und alle Seillängen der Nanouk auf Anhieb punkten. Nachdem die 2.SL gleich im ersten Versuch gelang, wurde er durch einen gewaltigen Adrenalin- und Energieschub beflügelt, so dass er sich auch trotz einiger heikler Momente die Butter nicht mehr vom Brot nehmen liess. Mit diesem Tag hat sich somit ein fast 4-jähriger Kreis geschlossen. Anlässlich der Erstbegehung war eine Rotpunkt-Durchsteigung wirklich noch meilenweit entfernt ...und schon gar nicht für unsere Kragenweite. Aber das macht das Leben letztendlich ja auch so spannend - und wenn alles stimmt und man in ein "flow" gerät, kann man da plötzlich ohne allzuviel zu überlegen hochtänzeln und findet intuitiv die richten Griffe und Bewegungsabfolgen. Ein extra Dankeschön an Thilo Frischkorn für seine zuverlässige Sicherungsarbeit!


Übersichtsfoto mit den neuen Bewertungsvorschlägen der Nanouk